Schockierende Vorstellung
Anlässslich der Verabschiedung des neuen Organspende-Gesetzes ist es wichtig, sich diesen Fall aus England anzusehen, in dem ein Student als „hirntot“ erklärt wurde, der heute an der Universität studiert. Die Kriterien für diese Fälle sind im Gesetz nicht explizit geregelt. Zwar erklären die Mediziner in Deutschland, was hier „üblich“ sei, aber eine letzte Gewissheit hat niemand, weil das Gesetz, schnell gestrickt, offene Seiten hat.
Steven Thorpe war 17 Jahre alt, als er einen Unfall erlitt und schwer verletzt wurde. Die Ärzte mussten ihm die Schädeldecke öffnen, um Schwellungen des Gehirns einzudämmen. Dabei war er bereits im künstlichen Koma. Aus Gründen, die nicht restlos geklärt sind, erklärten diese Ärzte ihn nach zwei Tagen für gehirntot und sprachen die Eltern auf Organspenden an.
Steven ist heute nur deshalb am Leben, weil sein Vater den Ärzten nicht glaubte und darauf bestand, zuerst den möglichen Erfolg der Therapie abzuwarten und erst dann ein Analyse vorzunehmen, ob sein Sohn wirklich „hirntot“ sei. Nach sieben Wochen konnte Steven die Klinik verlassen und wird seitdem weiter behandelt, kann aber sein Leben weiter leben.
Was die Klinik in Coventry, die ihn behandelte, dazu zu sagen hat, beschreibt dieser Artikel folgendermassen:
„Die Klinik in Coventry sah sich jetzt zu einer Erklärung gezwungen. Sie betonte, es handle sich um einen „Einzelfall“ und es sei „extrem selten“, dass ein Patient, der ein so schweres Hirntrauma erlitten habe, überlebe. Die Verletzung in Stevens Hirn sei „extrem kritisch“ gewesen, mehrere Computertomografie-Bilder hätten irreversible Schäden gezeigt.
Doch der Präsident der Deutschen Gesellschaft für Neurointensiv- und Notfallmedizin, Andreas Unterberg, bewertete den Fall schlichtweg als „peinlich“. Die vom Vater hinzugezogene Privatärztin Julia Piper aus Leicester sagte der BBC, sie selbst habe nur auf die Eltern gehört – das sollten auch Ärzte des öffentlichen Gesundheitsdienstes häufiger tun.“
Da stellt sich nun heraus, es gibt zwei verschiedene „Hirntod“: Es gibt den Tod des ganzen Gehirns und es gibt den Tod des Hirnstamms. In Deutschland sei es üblich, die Diagnose „Hirntod“ nur auszusprechen, wenn das ganze Gehirn betroffen ist, während in England der Tod des Hirnstamms bereits ausreicht – von dem man sich aber offensichtlich erholen kann, jedenfalls in bestimmten Fällen.
Das am meisten schockierende an dieser Art, Menschen für tot zu erklären, um an Spenderorgane zu kommen, ist diese Aussage:
„So kann es vorkommen, dass einzelne Teilfunktionen der Großhirnrinde und damit Reste von Wahrnehmung nicht ausgeschlossen werden können. „In England kann es also vorkommen, dass Patienten mit Locked-in-Syndrom, bei denen der Hirnstamm zwar tot, das Großhirn aber noch intakt ist, Organe entnommen werden“, erklärt DSO [Deutsche Stiftung Organtransplantation]-Vorstand Günter Kirste.
Beim Locked-in-Syndrom ist der Mensch zwar bei Bewusstsein, kann sich aber über Bewegungen und Sprache nicht mitteilen, weil er körperlich nahezu vollständig gelähmt ist.“
Eine der schockierendsten Horrorvorstellungen, die möglich ist: Der Patient kann zum Beispiel noch hören und ist bei Bewusstsein: Er hört die Ärtzte darüber reden, welche Organe ihm als erstes entnommen werden. Oder auch: Die Ärtzte halten ihn für „hirntot“, so dass er ohne Narkose operiert wird, aber er kann noch Schmerzen fühlen.
Zwar wird erklärt, in Deutschland könne das nicht vorkommen, weil es eben üblich sei, nur bei Tod des Gesamthirns die Todesurkunde auszustellen, aber dies ist nicht ausdrücklich im Gesetz festgeschrieben. Ebensowenig schreibt das neue Gesetz vor, dass ein anderer, von Aufsichtsbehörden bestellter Arzt, die Entscheidung jener Ärzte überprüfen muss, die nach den Organen des „Toten“ hecheln.
Also ich für meinen Teil würde unter diesem Gesetz nicht meine Einwilligung zur Organentnahme geben. Dann müssen sich die Ärzte nämlich mit der Familie herumschlagen, was einem noch eine Chance gibt.
Unter diesen Umständen ist die Kampagne der DSO an vielen Bahnhöfen in Deutschland, „Jede Minute zählt!“ das falsche Signal, denn jeder, der sich für die Organspende entscheidet, wird wollen, dass im Zusammenhang mit seinem eventuellen Hirntod nicht die Eile, sondern die Gründlichkeit gefragt ist.
Frei nach dem Motto “Hirntoter lernt, Hirntod zu diagnostizieren”.
Steven Thorpe hat in dem Fall natürlich noch mal Glück gehabt, aber soll der Arzt jede Hirnzelle einzeln überprüfen, ob sie schon muffelt? Ich finde man muß auch die Interessen der zahlreichen Empfänger berücksichtigen, die jetzt auf die zugesagte Leber, Lunge, Niere, Augen, Rückenmark oder das Herz verzichten müssen und deshalb vielleicht gestorben sind. Bei Ökothemen gibt es nie eine eindeutig “richtige” Lösung und dann fragt man sich natürlich, warum Steven trotz seines Nahtoderlebnisses nichts besseres mit seinem Hirn anzufangen weiß, als ausgerechnet Rechnungswesen zu studieren – Kapitalismus pur!
Ich würde mich an eurer Stelle durch diesen Einzelfall nicht vom Organspenden abhalten lassen. Einfach an den Spenderausweis einen Zettel ankleben, das man der Organentnahme nur unter lokaler Betäubung zustimmt, dann weiß der Anästhesist Bescheid und den Piekser merkt ihr kaum.
Hallo Gabi, Du bist mal wieder zum Schreien komisch!
Operation gelungen, Organ lebt!
danke fuer diesen aufschlussreichen artikel. ich denke wieder neu. liebe gruesse math
… tot bezeichnet das Adjektiv zum Substantiv Tod.
Richtig! Entschuldigung. Scheint, mir kommt die Deutsche Sprache langsam abhanden.