Brasilien? Danke, gut!

Einzelhandel in Brasilien bei + 9,5%

Wenn man die weltweite Krise ansieht, die Lage Griechenlands, der USA, Japans, Spaniens, Grossbritanniens, Italiens, dann kann man den Niedergang des Kapitalismus in all seinen schillernden Widerwärtigkeiten bewundern. Demgegenüber sind hier in Brasilien im Juni die Einzelhandelsumsätze im Vergleich zum Vorjahresmonat um + 9,5% gestiegen. Die Steigerung zum Vormonat lag bei 1,5%. In den unbereinigten Daten ging es sogar um +12,8% aufwärts im Jahresvergleich.

 

Wie so etwas möglich ist angesichts des weltweiten Niedergangs?

Nun, Brasilien war ja noch vor kurzer Zeit ein reines Entwicklungsland. Den Übergang zum Schwellenland kann man etwa bei 2002 ansetzen.

Was das bedeutet? Brasilien war bis vor kurzem das Land mit den höchsten Zinsen. Die Staatsanleihen z.B. wurden mit 11 oder 12 % verzinst. Griechenland und Spanien werden schon bei 7% für bankrott erklärt, Brasilien hat locker die 11% weggesteckt. Das führte zum Beispiel dazu, dass Überziehungszinsen bei der Bank um die 100 % kosteten. Das sind auch heute noch 50%, aber der Fortschritt ist schon spürbar.

Wollte man einen Bankkredit für eine Anschaffung, musste man um die 25% Zinsen zahlen. Das sind heute immer noch 18%, aber auch hier beginnt man Land zu sehen.

Für Häuslebauer und für Autokäufer gibt es dann noch Sonderkonditionen.

Aber bis heute sind die Zinsen in Brasilien so hoch, dass sie hier nicht in Zinsen pro Jahr, sondern in Zinsen pro Monat angegeben werden. Niemand kennt hier Zinsen pro Jahr.

Die Zinsen für Autokäufer waren im Juni gesenkt worden und zusätzlich hat man die Auto-Umsatzsteuer erniedrigt oder sogar auf Null gesetzt. Das führte im Juni zu einem Anwachsen der Autoverkäufe um +26,4%.

Solche Massnahmen zur Stimulierung des Inlands-Verbrauchs wären natürlich auch in Europa möglich, aber bevor Schäuble und seine Handpuppe Merkel oder Cameron oder die Ministerpräsidenten Italiens oder Spaniens so etwas tun würden, würden sie sich eher die eigene Hand abhacken.

Dieser steil ansteigende Inlands-Konsum setzt sich in Brasilien übrigens nicht in ein entsprechendes Wachstum des Brutto-Inlands-Produkts (BIP) um, weil dort andere grosse Zahlen einfliessen, vor allem der Preis von Eisenerz und Sojaöl, das sind die wichtigsten Exportprodukte Brasiliens. Der erstere ist massiv eingebrochen (-20%) und so kann man für das ganze Jahr 2012 in Brasilien nur ein Wachstum des BIP von 1,8% erwarten.

Doch die brasilianische Regierung ist auch in anderer Hinsicht nicht untätig: Präsidentin Dilma hat soeben ein Konjunkturpaket in Höhe von 66 Mrd. Dollar angekündigt, mit dem die brasilianische Infrastruktur aufgemöbelt werden soll: Neue Eisenbahnstrecken, Autobahnen, Straßen, Flughäfen und Häfen. Wer Brasilien kennt, weiss, dies ist unbedingt notwendig.

Neben den Autos wurden auch „weisse Ware“ und Möbel von Umsatzsteuern befreit und es gibt täglich mehr Brasilianer, die sich so etwas leisten können.

Das Ganze geht natürlich nur, wenn der Staat Geld hat. Wenn man den Anteil der Steuern am BIP sieht, ist der natürlich hoch, aber das ist eben genau das Gegenteil von den hochgelobten „Sparmassnahmen“ in Europa oder von den „Idealen“ in den USA.

Ein weiterer Faktor ist die Vergabe billiger Kredite der brasilianischen Entwicklungsbank für Firmen-Gründungen und –Erweiterungen. In vielen Bereichen Brasiliens bekommen Firmengründer (, die Arbeitsplätze schaffen) das Grundstück geschenkt und erhalten jahrzehntelange Kredite mit niedrigeren Zinsen für die Firma.

All das wäre auch in Europa möglich, aber … (siehe oben).

Natürlich hat Brasilien auch einen gewaltigen Nachholbedarf, aber auch in ärmeren Gegenden Europas ist die Situation nicht so meilenweit unterschiedlich.

Wenn man im Gegensatz dazu das Gewäsch der Merkel über die sparsame schwäbische Hausfrau hört, dann könnte man k…… .

Die Daten und einiges mehr dieses Artikels wurden im wesentlichen diesem Artikel des wichtigen Blogs „querschüsse.de“ entnommen.

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· Gelesen: 990 · Heute: 2 · Letztmalig: 23. Mai 2013

4 Gedanken zu “Brasilien? Danke, gut!

  1. Karl, könntest Du bitte aus deinem Kommentar einen richtigen Artikel machen? Das Thema Mülltrennung und Umweltschutz in Brasilien interessiert hier sicherlich viele Leser. Und wenn Du noch Zeit hast, mach doch mal ein Video von dir, in dem Du uns zeigst wie man künstlerisch niveauvollen Samba tanzt.

    Trinidad und Tobago findest Du links oben in folgender Karte, unweit Recife (rechts unten):
    http://goo.gl/maps/Lq5S2

    Apropos Recife! Warst Du auf dem Gründungsparteitag der Piratenpartei vor drei Wochen?
    http://www.partidopirata.org/art/cartaz0.jpg

    Dann klär doch die Leute da unten bitte mal auf, wie Wutbürgertum richtig funktioniert. Brasilien ist nämlich noch immer eine Insel der Ahnungslosen in Lateinamerika:
    http://es.wikipedia.org/wiki/Wutb%C3%BCrger

    Das muss sich bis zum nächsten Parteitag ändern!

  2. Karl, es wird nicht mehr lange dauern, dann gibt es auch in Brasilien die ersten Wutbürger. Mülltrennung haben sie auch schon. Historische Prozesse sind global vorhersehbar und unumkehrbar:
    http://www.brasilnews.de/umweltbewusstsein-der-brasilianer-stark-angestiegen-48895

    Tanzt man denn eigentlich noch Samba in Brasilien oder ist das reine Tourifolklore, wie auf den Nachbarinseln (Trinidad oder Tobago vermute ich)?
    http://www.youtube.com/watch?v=RYDSqMA3r20

    • Ja, in den grossen Städten im Südosten Brasiliens ist die Mülltrennung bereits vielfach in Anwendung. Hier in Belo Horizonte sind gerade eben die Plastiktüten in den Supermärkten verboten worden. Hier wird die Mülltrennung meist nur in “Organischen Müll” und “Wiederverwertbares” getrennt, so wie zum Beispiel in dem Gebäude, in dem ich wohne.

      Das “Wiederverertbare” wird dann “Mülltrennungszentren”, die im wesentlichen von den ärmsten Teilen der Bevölkerung betrieben werden, per Handarbeit in die einzelnen wesentlichen Bestadteile gertennt und dann Firmen zur Wiederverwendung verkauft. Damit kann man sich hier noch sein Brot verdienen, während Handarbeit in Europa da nicht angesagt ist.

      Die Erfrischungsgetränke zum Beispiel werden hier im wesentlichen in PET-Flaschen vertrieben, die fast vollständig – jedenfalls hier in der Gegend – eingesammelt und an Wiederverwerter verkauft werden. Eine Ölfirma, die ich kenne, benutzt fast ausschliesslich Ölkannen, -flaschen und -eimer aus wiederverwertetem PET.

      Und ja, hier tanzt man Samba. Das bezieht sich im wesentlichen auf die ärmeren Bevölkerungsteile. Hier im Südosten Brasiliens ist der Karneval die Hochzeit des Samba, wenn die Umzüge der Sambaschulen stattfinden. Auch der Schreiber dieser Zeilen hat an so etwas schon teilgenommen und tanzt Samba. Im wesentlichen handelt es sich um die schwarze Bevölkerung, für die der Samba ein Teil ihres Lebens ist. Es gibt aber auch den künstlerischen Samba, der aus Liedern mit meist traurigen Texten besteht. Die Texte sind auf höchsten künstlerischen Niveau.

      Du kennst vielleich “The girl from Ipanema”, das auch Frank Sinatra gesungen hat.

      Der berühmte brasilianische Komponist und Sänger Caetano Veloso singt in einem seiner Sambas: “Samba ist eine helle Träne auf einer dunklen Haut”.

      Nun habe ich dir ernst geantwortet, da Du ja meinst, Du würdest keinen Spass machen, von wegen “Nachbarinseln” und “Trinidad oder Toabago”.

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